Gedanken sortieren: #MusMuc17, Online-Sammlungen und die Kunstwerke der Moderne

Ein halbes Jahr nach dem Launch der Online-Sammlung widmeten sich die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit der Tagung „Museen im digitalen Raum. Chancen und Herausforderungen“ am 06. Oktober 2017 (www.pinakothek.de/musmuc17) in der Pinakothek der Moderne den aktuellen Problemen um juristische Urheberrechtshürden im Internet und befassten sich mit Themenfeldern wie digitalen Sammlungen, Transparenz und Open Access, um die Anforderungen und Wünsche von Museumsbesucherinnen und -besuchern im 21. Jahrhundert zu analysieren und verstehen zu können.
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Was sich da so einfach in einem Satz zusammenfassen lässt, hat mich das gesamte letzte halbe Jahr beschäftigt. Mehr noch: Die Nachwirkungen der Tagung, die Diskussionen und die Suche nach Kompromisslösungen nach geeigneten Rahmenbedingungen beschäftigen mich noch immer tagtäglich. Es ist ein wenig wie in der großen Politik: Ein Kreislauf aus Reden, Verhandeln, Veröffentlichen. Zum Veröffentlichen wird es hoffentlich demnächst unter dem Stichwort #MünchnerNote kommen. Stay tuned!
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Über 200 Gäste, darunter Fachpublikum aus Museen und Kulturinstitutionen, Experten für Digitalisierung, Juristen, Journalisten, Wissenschaftler und Studierende besuchten die Veranstaltung. Währenddessen konnten Interessierte die Tagung unter dem Hashtag #MusMuc17 verfolgen, Beiträge teilen oder Fragen stellen, die teilweise auch live während der Diskussionszeiten eingebracht wurden. Internationale Gäste wie Merete Sanderhoff aus dem Statens Museum für Kunst in Kopenhagen oder Douglas McCarthy von der Europeana, aber auch deutsche Expertinnen wie Prof. Dr. Dorothee Haffner von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin oder Prof. Dr. Ellen Euler von der Fachhochschule Potsdam berichteten von ihren Erfahrungen und den Möglichkeiten der digitalen Kunstvermittlung im Zusammenhang mit Open Access und Open Data. Unter dem Titel „Digitaler Glaubenskrieg? – Zur Nutzbarkeit von Kunstwerken im Netz“ fand zudem eine angeregte Podiumsdiskussion statt, die wie alle anderen Vorträge auf der Website der Pinakotheken (www.pinakothek.de/musmuc17) abrufbar ist.
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Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, selber meinen Senf zum Thema Online-Sammlungen und fehlenden Ressourcen in Museen beizutragen: https://vimeo.com/239607222.
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Allein im Laufe dieses einen Tages wurden über 2.000 Tweets veröffentlicht und die Diskussion auf Twitter wurde über 4 Millionen Mal eingesehen. Ein klares Zeichen dafür, dass den digitalen Besucherinnen und Besuchern die digitale Zukunft der Sammlungen am Herz liegt und nicht zuletzt der Grund dafür die Initiative der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gemeinsam mit anderen Museen auszuweiten.
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Es waren vor allem die Rückmeldungen nach dem Launch der Online-Sammlung, das überwältigende Feedback im digitalen Raum, der Zuspruch, aber auch die Verbesserungsvorschläge, die Gespräche mit den digitalen Experten im Nachklang, welche mich allesamt von der Idee einer eigenen Konferenz bei uns in den Pinakotheken überzeugten. Im laufenden Betrieb und als Einzelkämpferin in der digitalen Kommunikation nebenbei und innerhalb von wenigen Monaten eine kostenfreie Tagung zu organisieren, Gelder zu akquirieren, internationale Speaker einzuladen, das Programm zu planen – sollte alles nicht so schwer sein, oder? Boy, was I wrong! Aber es hat sich gelohnt. Der Ball kam ins Rollen.

Zur Erinnerung:
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Als am 06. April 2017 in der Pinakothek der Moderne die Online-Sammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Rahmen der Jahrespressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, war dies daher nur der erste Schritt auf dem langen Weg eines Marathons hin zur digitalen Emanzipation. Auf der digitalen Plattform www.sammlung.pinakothek.de machen wir seitdem erstmals unsere gesamte Sammlung zugänglich und veröffentlichen sowohl unsere Bestände im Depot als auch unsere Dauerleihgaben. Leider täuscht diese erste Errungenschaft über die Tatsache hinweg, dass momentan nur die halbe Realität im Netz zu sehen ist. Was auch dank eines intelligenten Anzeige-Algorithmus vielleicht erst auf dem zweiten Blick bewusst wird: Die gesamte Moderne sowie Gegenwartskunst kann aufgrund der Einschränkungen für Kulturinstitutionen durch das Urheberrecht nicht präsentiert werden. Das Urheberrecht selber und alle mit dem Urheberrecht verbundenen Rechte erlöschen gemäß §64 UrhG siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Im Klartext bedeutet dieser Sachverhalt: Die Werke von Pablo Picasso können erst im Jahr 2043 in der Online-Sammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen kostenfrei und uneingeschränkt zugänglich gemacht werden. In der Praxis betrifft dies derzeit ungefähr 15.000 Kunstwerke, beinahe die Hälfte an Abbildungen von Werken bleibt somit im Digitalen verborgen, lediglich die entsprechenden Metadaten sind sichtbar. Einschränkungen des Datenexports und eine veraltete technische Infrastruktur erschweren die Situation zusätzlich.
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Wenn ich schätzen müsste, dann würde ich sagen, dass über 95 Prozent der Museumsgäste noch nie etwas vom Urheberrecht und dessen Konsequenzen gehört haben. Woher auch? Warum auch? Für sie ist der Fall meistens klar: Aus lauter Schikane und Geldgier zeigen die Museen die Kunstwerke der Moderne nicht. Wenn ich für jede erhaltende Nachricht mit dieser Botschaft einen Euro bekommen hätte, wäre ich mittlerweile im Ruhestand. Es geht also in erster Linie um Aufklärung, so langweilig, langwierig und aufwendig dies auch in der Praxis sein mag. Auch Transparenz gehört dazu: Wie steht es um die digitale Zukunft der Museen in öffentlicher Hand? Und schwierige Fragen: Wem gehören die Abbildungen von Sammlungswerken im Internet?
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Die Debatte um die Möglichkeiten der Sichtbarmachung der Moderne in den digitalen Sammlungen hat für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erst begonnen. Wie eine Kompromisslösung aussehen könnte, welche die umfangreichen Interessen von Museen, Künstlerinnen und Künstlern, Verwertungsgesellschaften und digitalem Publikum verbindet, wird derzeit mit allen Betroffenen diskutiert und Lösungsansätze werden ausgearbeitet. Fakt ist, dass ohne eine juristische beziehungsweise politische Anpassung der Nutzungspraxis für Museen und eine sinnvolle Schrankenregelung zur Zugänglichmachung von Abbildungen im Internet die Bedürfnisse der Museumsgäste des 21. Jahrhunderts nicht erfüllt werden können und unser Bildungsauftrag stark beeinträchtigt wird. Ein Zustand, der auf Dauer gesehen die öffentlichen Häuser in die digitale Bedeutungslosigkeit drängt.

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Kurz gesagt:

It’s a long way to the top
If you wanna rock ’n‘ roll

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Der offizielle Teil dieses Blog-Beitrags erscheint im Jahresbericht 2017 der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, nach Veröffentlichung abrufbar auf www.pinakothek.de/ueber-uns/publikationen.

 

Foto: Tagungsdokumentation der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen

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