Sommer der Sonnenblumen – Destillationsprozess

„Ich kann nichts dafür, dass meine Bilder sich nicht verkaufen lassen. Aber es wird die Zeit kommen, da die Menschen erkennen, dass sie mehr wert sind als das Geld für die Farbe.“

Glaubt man dem Internet, dann stammt dieses Zitat von keinem Geringeren als Vincent van Gogh. Wer mich kennt, der weiß, dass ich im Grunde genommen überhaupt kein Verständnis oder Ahnung von Kunst habe. Das kann übrigens sehr hilfreich sein in meinem Gewerbe. Es verleiht zumindest einen gewissen Abstand zur Materie. Ich schätze den Wert eines Kunstwerkes stets danach ein, wie sehr es mich berührt. Als ich vor immerhin sechs Jahren bei den Pinakotheken begann, waren es von Beginn an die „Sonnenblumen“ von Van Gogh, die mich magisch in ihren Bann zogen. Auch ihren Verwandten in der „National Gallery“ in London statte ich regelmäßig und sehr gerne einen Besuch ab. Als dort 2014 zwei der, immerhin insgesamt fünf existierenden, „Sonnenblumen“ für eine Ausstellung zusammenkamen, fand ein Teil von mir es schade, dass unsere „Sonnenblumen“ mehr oder weniger unter Hausarrest stehen. (Der andere Teil ist froh, dass dem Werk die Reisestrapazen erspart blieben.) Als mich dann vor einigen Wochen die Kollegin aus der „National Gallery“ in London auf Twitter (ja, dieser soziale Kanal kann unter Umständen noch sehr nützlich sein) fragte, ob ich Interesse daran hätte, alle „Sonnenblumen“ von Vincent van Gogh digital zu vereinen, zögerte ich keine Sekunde. Eine Aktion, erdacht für die ruhigen Sommertage im Museum. Eine Idee, die fünf völlig unterschiedliche Museen auf drei Kontinenten vereint. Eine einmalige Gelegenheit endlich unsere hochkarätige Sammlung im internationalen Licht erstrahlen zu lassen. London, Amsterdam, Tokio, Philadelphia – und München. Allzu viel darf ich noch nicht verraten von dem Ereignis, aber einige Erkenntnisse der Vorbereitungen möchte ich festhalten.

Der Grad an Professionalisierung und Differenzierung in den äquivalenten Abteilungen der anderen Museen ist gleichermaßen erschreckend wie beeindruckend. Während diverser Telefonkonferenzen saßen mir stets eine Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen gegenüber, die verschiedene Anteile meiner Aufgaben unter sich aufteilten. Da gab es den Social-Media-Strategen und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das operative Geschäft, Web-Designer und Programmierer, ein ganzes Team für audiovisuelle Produkte, digitale Redakteure und Vorgesetzte – allesamt Festangestellte der Museen. Auf meiner Seite des Telefons sitze nur ich. But fear not! Mit der richtigen Prise Enthusiasmus und der Unterstützung von digitalen Mitstreitern verläuft die Vorbereitungsphase nach Plan! Zugegeben, das WLAN-Signal in den Galerieraum zu bekommen war keine kleine Herausforderung und hat nur dank des Einsatzes unserer EDV-Abteilung geklappt. Zeichen und Wunder! Ein Königreich für eine stabile Verbindung! Auch das war natürlich für meine Kolleginnen und Kollegen auf internationaler Ebene ziemlich unverständlich. Dort ist die Verfügbarkeit von mobilem Internet in den Museen längst eine Selbstverständlichkeit. Die Praxis zeigt: Strukturell und technisch hinken wir in diesem Land Meilen über Meilen hinterher. Welcome to the Dark Ages. Doch der Anspruch von der Politik an uns „Museumsmenschen“ könnte kaum höher sein: Vermitteln, was das Zeug hält, digital, international und auf höchstem Niveau. Ein Widerspruch, der einem bei der tagtäglichen Arbeit an Sisyphos denken lässt. Von der eigenen finanziellen Entlohnung für die Arbeit ganz zu schweigen. Kulturbranche, wo man über Geld nicht spricht. Man arbeitet für den Idealismus, für die Kunst. Pfui, wer da die Groschen zählt. Egal, die Rahmenbedingungen sind nicht in allen Bereichen ideal, Struktur und Technik veraltet, und trotzdem und gerade deshalb ist der ideelle Wert der „Sonnenblumen“-Aktion für mich so hoch. Die Möglichkeit der Zusammenarbeit auf internationaler Ebene zu Ehren meines Lieblingskünstlers. Dass diese Kooperation überhaupt möglich ist, dass das Vorhaben grundsätzlich erlaubt wird, sehe ich bereits als enormen Fortschritt an. Oder wie der Barde sagen würde: „Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde!“

Wovon ich eigentlich rede und was der ganze Unsinn soll, erfahrt Ihr, werte Leserinnen und Leser, am Abend des 14. August 2017 drüben auf Facebook. Angekündigt wird das Spektakel diese Woche natürlich auch auf den Kanälen der Pinakotheken und der anderen teilnehmenden Museen.

Für alle, die es nicht erwarten können: Zu finden sind unsere heimischen „Sonnenblumen“ im Saal 21 der Neuen Pinakothek.

Beitragsbild:
Detail aus „Sonnenblumen“ von Vincent van Gogh, 1888
Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek, München

2 Kommentare

    1. Antje Lange Autor

      Servus Peter,
      DANKE! Auf jeden Fall ist die Tagung eine Gelegenheit die aktuellen Restriktionen, seien sie nun technisch, strukturell oder juristisch, einmal anzusprechen. Es wird spannend! Freue mich, dass Du kommst!
      Liebe Grüße,
      Antje

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