Ein schmaler Grad? Die „Remix Culture“ und die Kunst

Schaut man einmal in den digitalen Raum, dann stellt sich offensichtlich längst nicht mehr die Frage danach, was die Institutionen und deren Kunstwerke für die Menschen tun können, sondern immer mehr die Frage, was die Menschen mit den Kunstwerken der Museen machen. Der Umgang mit der Kunst hat sich verändert, die Zeiten der blanken Rezeption sind vergangen, mobile Endgeräte, diverse Sozial Media Plattformen und ein verändertes Bewusstsein der eigenen Einflussnahme haben dazu geführt, dass der Kontakt mit Kunst vermehrt zur eigenen Kreativität und einem Produktionsprozess führt. Sei es nun das mehr oder wenige schlicht inszenierte Selfie vor einem berühmten Kunstwerk für die Follower auf Instagram oder die aktive Teilnahme an einer Social Media Aktion eines Museums selbst. Immer mehr Menschen wollen sich individuell mit den Werken auseinandersetzen und tun dies in einem nach außen getragenen Prozess des Teilens. Für die Museen manchmal eine schwierige Situation. Oder um es aus einem persönlichen Standpunkt und mit des Meisters Worten zu beschreiben:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Duft
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
(Faust I, Goethe)

Natürlich begrüße ich die Aktivität der digitalen Gemeinde und freue mich über haufenweise Bilder aus unseren Häusern, die von der Freude an der Kunst, von Aufenthaltsqualität in den Museen, vor allem von Spaß zeugen. Zeit ist ein hart umkämpftes Gut und wir teilen uns als Museen den Markt mit vielen Konkurrenten. Der Besucherschwund der letzten Jahre hat gezeigt, dass der gelegentliche Weg ins Museum keinesfalls eine Selbstverständlichkeit mehr ist. Und es ist anzunehmen, dass sich dieser Trend in Zukunft noch stärker fortsetzen wird. Transparenz, Offenheit, Eintrittsbarrieren abbauen: Das sind daher alles Grundpfeiler meiner digitalen Strategie. Wenn es nach mir gehen würde, hätte man die Eintrittsgelder in den Häusern bereits gestern schon abgeschafft, um das Museum als Ort in den Alltag der Menschen zu integrieren.

Instagram-Schnappschüsse von Besucherinnen und Besuchern der Neuen Pinakothek, München

Trotz all der wunderbaren Errungenschaften der digitalen Auseinandersetzung mit Kunst erwische ich mich allerdings ab und zu dabei, dass ich das Gesicht beim Anblick mancher „art memes“ verziehe. Denn so abgedroschen der Hang der meisten Kuratorinnen und Kuratoren zur berühmten Aura eines Kunstwerkes auch manchmal erscheinen mag, angesichts der Ausmaße des Wandlungsprozesses stellt sich mir manchmal selber die Frage: Ab wann überschreitet die „remix culture“ die Grenze im Umgang mit Kunst? Oder ist allein die Frage danach ein Zeichen meiner eigenen Verhaftung in alten Denkmustern?

Ich will mein Dilemma etwas beschreiben: Als der britische Designer Olly Gibbs mit Hilfe von „FaceApp“ die ernsten Minen in den Gesichtern der Kunstwerke aufheiterte, konnte auch ich mir zunächst das Schmunzeln nicht verkneifen. Über einen Algorithmus gelingt es der App Gesichter zu transformieren, sie jünger oder älter zu machen oder eben zum Lächeln zu bringen. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich teils dämlich grinsende Meisterwerke im Netz und ich erwischte mich selbst beim Zweifeln, ob das jetzt wirklich all diese Aufmerksamkeit wert sei. Ein Beispiel dieser digitalen Umwandlung kann man im Titelbild sehen.

Tatsächlich wurde ein gewisser Beschützerinstinkt wach, und ich fürchtete um den Gesichtsverlust von unserem Albrecht, für dessen digitales Wohl ich mich zum gewissen Grad zuständig fühle. Und gleichzeitig fragte ich mich, ob das nicht genau ein Zeichen der Arroganz der Institutionen ist, die ich eigentlich abschaffen möchte durch Aktionen wie #myRembrandt und #StadtLandBild. Wer sind wir, dass wir den Menschen vorschreiben dürfen, was sie mit den Kunstwerken zu tun und zu lassen, was sie zu denken und was sie zu teilen haben? Unsere Aufgabe ist es, die Kunstwerke, deren Entstehungskontext, deren Besonderheiten und Inhalte, deren Lehren zu vermitteln. Der Grad auf dem wir dies erfüllen fühlt sich indes manchmal sehr schmal an. Die Europeana hat sich entschieden: Über den Hashtag #MuseumFaceApp ruft sie Besucherinnen und Besucher zur Nachahmung auf.

Während die Institutionen noch über ihre eigene Rolle und Position nachdenken und versuchen mit dem Wandel umzugehen, hat eine Facebookseite wie „Classical Art Memes“ bereits weit über vier Millionen Fans angesammelt, stetig wachsend versteht sich.

Facebook-Foto von „Classical Art Memes“ vom 14. Juni 2017

Dies waren jetzt nur zwei Beispiele, natürlich gibt es momentan unzählige dieser digitalen Trends, auf allen Kanälen und vor einem ähnlichen thematischen Hintergrund. Ab und zu werde ich danach gefragt, was ich von diesen Entwicklungen halte. Die Antwort darauf fällt schwer. Zum einen Freude darüber, dass Kunstwerke thematisiert werden, die sonst unbekannt blieben. Allerdings, wie bekannt sind die Originale? Nirgends gibt es bei den meisten „art memes“-Seiten einen Hinweis auf die beherbergenden Museen. Nützen solche Projekte der Kunst und den Häusern? Sollten sie das? Oder reicht es nicht, wenn Menschen mit den Werken ihren Spaß haben?

Klar ist nur, dass jede Institution für sich einen Weg finden muss, um mit der digitalen Realität umzugehen. Und das diese Aufgabe eine Menge an Ressourcen verschlingen und sich nicht ewig verdrängen lassen wird. Mit der digitalen Sammlung der Pinakotheken ist bei uns ein erster großer Schritt getan, noch viele weitere müssen folgen. Tatsächlich ist die Weiterentwicklung des Projekts bereits im vollen Gange. Fest steht auch: Wenn ein „art meme“ von einem Werk aus unserem Bestand gemacht wird, dann muss zumindest das Datenmaterial farbecht und authentisch sein. Denn wenn wir auch den Trends hinterherhinken mögen, wir müssen die zuverlässige Basis und Quelle aller Vermittlungsansätze sein. Was die Netzgemeinde dann daraus macht und ob wir das immer gut finden, ist noch einmal eine ganz andere Frage.

Übrigens: Weil Themen wie Besucherwandel, Urheberrechte, Datenbanken und digitale Sammlungen eine Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen bayern- und deutschlandweit beschäftigen und sich die Anrufe und Anfragen um Ratschläge aus der ganzen Republik häufen, wird am 06. Oktober 2017 im Auditorium der Pinakothek der Moderne eine Tagung stattfinden, in deren Rahmen all diese Herausforderungen thematisiert werden. Diese Veranstaltung ist eine persönliche Herzensangelegenheit und ich kümmere mich gerade um die Organisation. Eine öffentliche Debatte und eine offene Aussprache dieser Themen, auch der aktuellen Probleme der Institutionen, ist längst überfällig.

6 Kommentare

  1. Liebe Antje,

    bei dieser Frage habe ich eine sehr eindeutige Position. „Unsere“ Sammlungen gehören nicht uns, sondern allen Menschen. Daher dürfen alle entscheiden, was sie damit machen wollen. Unsere Aufgabe ist die Sammlungen für weitere, kommende Generationen zu bewahren, uns wissenschaftlich und nicht-wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen, unsere Interpretationen zur Inspiration mit der Öffentlichkeit zu teilen und zu bilden. Aber definitiv ist es doch großartig, wenn sich Menschen digital auseinandersetzen können, kreativ oder pseudo-kreativ die Sammlungen nutzen und wir uns keinerlei Gedanken über Abnutzung oder Zerstörung machen müssen.
    Klar wäre es toll, wenn jede_r den Weg des Bildes zum Museum zurückverfolgen würde. Daher ist es besser, wenn wir Museen es schaffen diese kreativen Prozesse ingang zu setzen und zu hosten, als auf andere zu warten. So können Museen zu neuen, ganz anderen Orten der Kulturproduktion werden.
    Daher: Feuer frei!

    Markus

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    1. Antje Lange Autor

      Hallo Markus,
      wir sind uns einig: Wir müssen als Museen den Weg ebnen und die Menschen dort abholen, wo sie im digitalen Raum sind. Ich glaube, das ist auch der Kern meiner Zweifel und Überlegungen: Die Tatsache, dass wir das noch viel zu wenig tun. Irgendwie geben wir das Ruder aus der Hand. Allerdings hat das mehrere Ursachen. Es bleibt spannend und komplex und ich freue mich sehr, dass ich im Oktober die Tagung dazu organisieren darf. Vielleicht sehen wir uns dann persönlich und schmieden Pläne. Und parallel entwickle ich aktuell eine App zu einer Ausstellung im kommenden Jahr, in der Hoffnung damit Spiel, Spaß und Vermittlung verbinden zu können.
      Danke für Deine treffende Einschätzung und den Zuspruch!
      Liebe Grüße,
      Antje

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  2. Liebe Antje,

    klasse, du organisierst ne Tagung. Sshr gut. Ein Forum für alle offenen Fragen braucht es immer wieder.

    Ich kann dich so gut verstehen mit deinen Bauchschmerzen bei so manchem platten Art Meme. Aber man muss es wohl aushalten. Weil die Alternative wäre ja verbieten 😉

    Ich denke, dass man mehr im Gegenteil zu mehr Qualität motivieren sollte. Auch der Umgang mit dem Remixen muss erlernt werden. Und so Manches, was abturnt, erledigt sich eh von selbst.

    Wichtig ist der Diskurs! Immer wieder. Deswegen: Danke für diesen Blogbeitrag!!

    Herzliche Grüße
    Anke

    Antworten
    1. Antje Lange Autor

      Liebe Anke,
      vielen Dank für Deinen lieben Kommentar! Und ja, eine eigene Tagung für all die brisanten Themen. Ich hoffe, ich sehe Dich dort? Würde mich freuen! Einladungen folgen noch. Ich bin gerade noch am Schreiben der Texte für die Website dazu und stelle die Wunschliste für die Speaker zusammen. Ich habe schon festgestellt, dass so eine Tagung dann doch auch Arbeit macht. 🙂 Aber es ist soooo unheimlich wichtig, dass sich die Institutionen untereinander und mit den digitalen Experten öffentlich austauschen. Nur so können wir handlungsfähig bleiben und langfristige Strukturen aufbauen. Von daher: Diskurs, Diskurs, Diskurs! Meine Destille ist ja so ein Ort, wo ich Fragen und Selbstzweifel in den Raum werfen kann.
      Liebe Grüße, bis hoffentlich bald,
      Antje

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  3. Liebe Antje,

    Du hast mir quasi aus der Seele gesprochen. Lange habe auch ich innerlich mit Remixes gekämpft, die ich als verletzend für das Kunstwerk (und dessen Urheber) empfand. Auf der „Sharing is Caring“ Konferenz 2014 in Kopenhagen, mit der Überschrift Right to remix?, gab es ein beleidigter Rembrandt, der sich über Remixes seiner Kunstwerke aufgeregt hat. Da bin ich in 5 Minuten der Frage nach ethisch-moralischen Aspekte von Remixing im Schnelldurchlauf nachgegangen.

    Allmählich habe ich soviele tolle Beispiele von Remixing gesehen – manchmal von Museen angeregt -, dass ich jetzt einfach hinnehme, dass es (in meinen Augen) auch weniger gut gelungene Beispiele gibt. Ich überhöre sie nun meistens wie schlechte Witze – und letztendlich vermag ich die Bedeutung, die dieser Remix für den Urheber hat, nicht zu beurteilen. Jeder soll nach seiner Façon selig werden.
    Was mich beruhigt: das Original hält’s aus, Euer Rembrandt und auch Euer Albrecht! Auch in dem Moment, wo ich weniger gelungene Beispiele eines Kunstwerkes im Hinterkopf habe, stören diese mich nicht wenn ich das Original (analog oder digital) betrachte. Es ist stark genug.

    Natürlich möchte ich hier auf einige gelungene Beispiele hinweisen. 2015 hat die Nationalgalerie in Kopenhagen, Statens Museum for Kunst (SMK), eine Anzahl von Remixes zusammen mit den Originalen im Museum ausgestellt, unter dem Titel Mix it up! – alles schön im Netz festgehalten. Eine tolle Gegenüberstellung! Und gerade in diesen Wochen gibt es von SMK ausgehend ein Jewelry DesignContest , worin Leute eingeladen werden, in sechs Gemälden aus der Sammlung Inspiration zu suchen und daraufhin ihre Entwürfe mittels avanzierten 3D-Druckern in Realität umzusetzen und zum Verkauf anzubieten. Begleitet wird das Ganze von drei Blogposts von Kuratorin Merete Sanderhoff, worin sie sozusagen ‚mit den Leuten‘ die Gemälde näherhin betrachtet. Das ist keine tiefschlürfende Kunstvermittlung, aber sie bringt den Lesern die Gemälde schon näher. Der Blogpost von heute: On the threshold of something great.

    Wer die Arbeit von Merete Sanderhoff verfolgt, dem begegnen ständig tolle Beispiele von Remixes. Stellvertretend sei hier hingewiesen auf Bildung and Building. Can museums provide building blocks for Enlightenment in the 21th century? Bildung und Remixes …ja, Museen können da etwas tun!

    Ich freue mich auf den 6. Oktober!

    Liebe Grüsse,
    Peter

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    1. Antje Lange Autor

      Lieber Peter,
      vielen Dank für all die tollen Beispiele! Wie immer hast Du die Museumsszene am besten im Blick. Stimmt, es gibt sehr gute Remix-Ideen und am Ende war #myRembrandt und seine Reise auch nichts anderes. Es kommt immer auf den Kontext an. Und ja: Das Original muss das aushalten. Auch wenn es mal ein schlechter oder unserer Ansicht nach unwürdiger Remix ist. Mir gefällt die Idee eines starken Vorbildes. Die Museen müssen sich auf jeden Fall auf neue Projekte einlassen und neue Wege selbst vorgeben. Es ist noch viel zu tun.
      Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen in München!
      Liebe Grüße,
      Antje

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