Appsolut unnötig? Die Geschichte einer komplexen Beziehung zwischen einem Museum und seiner App

Ihr könnt es sicher schon nicht mehr hören: Über Apps im Museum ist schon unzählige Male gebloggt worden, überall inhaltlich recherchierter und objektiver als hier. Ich konnte es selber nicht mehr hören. Keine Woche verging, in der nicht irgendeine Marketing-Agentur mir eine App verkaufen wollte. Lustig (oder traurig?) nur, dass tatsächlich 90% der Anrufer nicht einmal wussten, dass sie gerade mit einem Museum telefonieren. Geschweige denn, dass sie jemals von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gehört hatten. „Es gibt mehrere Pinakotheken?“, heißt es dann immer am anderen Ende der Leitung. Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch. Nein, danke, ich bin nicht an einer App von Ihnen interessiert.

Dabei hätte ich so gerne eine App für die Pinakotheken oder das Museum Brandhorst. Eine praktische und nützliche App, die den Besucherinnen und Besuchern einen echten Mehrwert bietet. Eine App, in der man zum Beispiel online Tickets kaufen und Führungen in fixen Zeitfenstern buchen kann, die dann natürlich direkt per Verknüpfung in unserer internen Datenbank auftauchen und in der auch öffentliche Führungen bei den Buchungen bedacht werden. Oder individuell zusammenstellbare Rundgänge, nach persönlichen Interessen zugeschnitten, auf Basis der Daten in unserer Online-Sammlung. Die Umsetzung dieser Visionen ist momentan genau so realistisch, wie die Besiedelung des Mars. In der Praxis hat sich gezeigt: Museen wohnen auf der Venus und Apps auf dem Mars.

Vielleicht versteht man diese Enttäuschung, wenn wir einen Blick auf die bisherigen App-Versuche der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen werfen. Als ich Ende 2010 hier in München meine Stelle antrat, schallte mir auf den Gängen das Credo „App, App, App“ bereits entgegen. Dringend wurde eine App gebraucht, Inhalte, Zielgruppe, Konzeption waren erst einmal Nebensache. Relativ schnell war aber dann klar: Das war alles viel teurer und aufwendiger als zunächst angenommen.

Dabei verlief der Beginn eigentlich sehr positiv, weil er über eine externe Firma lief und die App im Prinzip lediglich eine einstündige Hörführung über die Geschichte des großen Renaissance-Malers Pietro Perugino im Rahmen der Ausstellung „Perugino – Raffaels Meister“ (Ausstellungsdauer: 13.10.2011-15.01.2012) war. Die Besucherinnen und Besucher konnten sich die rund 30 Hörkommentare auf Deutsch oder Englisch vorab auf ihr iPhone laden, zur Vorbereitung und zum Besuch der Ausstellung. Schlicht und einfach, aus Kostengründen nur für iOS umgesetzt, praktisch, aber wenig innovativ.

Screenshots aus der App „Perugino – Raffaels Meister“ | Copyright: Linon Medien e.K. und Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Mit „Frauen. Pablo Picasso, Max Beckmann, Willem de Kooning“ eröffnete die Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne am 30. März 2012 ihre bislang größte Ausstellung mit rund 95 Frauendarstellungen von drei der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Eine fantastische Ausstellung, auf über 1.800 Quadratmetern in 14 Sälen. Unglaublich umfangreich und detailliert sollte die App daher sein. Und das war dann auch schon ihr größtes Problem. Hochauflösendes, zoomfähiges Bildmaterial, ein Zeitstrahl, der Künstlerbiographien mit geschichtlichen Ereignissen und kunsthistorischen Highlights verknüpfte, Interviews mit der Kuratorin und den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, bis hin zu experimentellen Filmbeiträgen von Studentinnen und Studenten der Akademie der Bildenden Künste München, die App enthielt wunderbares Material. Leider war die App durch dieses Material am Ende so groß geworden, dass sie jedes noch so neue iPhone damals nach kurzer Zeit sprengte. Gemessen an den Download-Zahlen ließen sich die Investitionskosten nicht rechtfertigen. So viel Einsatz im Haus vom gesamten Team, bei solch hohen Kosten, für eine dermaßen geringe Wirkung hinterlässt zwangsläufig einen bitteren Nachgeschmack. Es war jedoch einen Versuch wert.

Für die Ausstellung „Entartete Kunst“ – Der Berliner Skulpturenfund von 2010“ in der Neuen Pinakothek (01.11.2012 bis 28.01.2013) änderte ich daher die Taktik. Die App zeigte über die Ausstellung hinaus Informationen zum Berliner Skulpturenfund, zur damaligen Ausstellung „Entartete Kunst“ und zu den betroffenen Kunstwerken und ihrer Schöpfer. Außerdem sah man die Skulpturen in ihren Zustand vor dem Krieg, nach der Ausgrabung und schließlich nach der Restaurierung. Diese App entstand deutlich kostengünstiger in Eigenregie bei uns im Haus. Dazu lieferte die Firma NOUS Wissensmanagement GmbH aus Wien uns einen schicken Apple-Rechner samt von ihnen entwickeltem CMS-System und wir konnten gemeinsam mit der dortigen Designerin die App umsetzen. Eine zweisprachige App (Deutsch und Englisch) wurde entwickelt, die kostenfrei über den Apple Store zur Verfügung stand. Die verringerten Entwicklungskosten hießen in der Praxis aber auch, dass zwei Personen über Wochen hinweg an der App basteln mussten und der Alltagsbetrieb stillstand. Auch ein Experiment, das sich nicht zur Nachahmung empfiehlt.

Screenshot aus der App „Entartete Kunst“ – Der Berliner Skulpturenfund von 2010“ | Copyright: NOUS Wissensmanagement GmbH und Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Die Multimediaführung für „„Traum-Bilder“ in der Pinakothek der Moderne (14.09.2013 bis 26.01.2014) lieferte Hintergrundinformationen und Interpretationsansätze, welche die Auseinandersetzung mit den Werken erleichtern sollten. Erstmals stand diese App sowohl im iTunes-Store als auch im Google Play Store für Android-Geräte zum kostenlosen Download zur Verfügung. Die App entstand wieder komplett extern und war Teil der Ausstellungsentwicklung. Kann man machen, hinterlässt jedoch keine bleibende Erinnerung.

So ähnlich verhält es sich auch mit der letzten App der Pinakothek der Moderne, in der Besucherinnen und Besuchern das jeweilige aktuelle Programm in jedem Quartal als kostenlose App für iPads und Android-Tablets zur Verfügung stand. Optisch und technisch wunderbar aufbereitet durch unseren externen Partner, leider unheimlich teuer und daher aus Gründen der Kostenersparnis Mitte Juni 2015 endgültig eingestellt. Seit dem Relaunch der Website der Pinakotheken im April 2016 lässt sich das aktuelle Programm im „responsive design“ auch auf mobilen Endgeräten stets überall nachlesen. Ganz ohne Updates durch den Nutzer und umfangreiche Redaktionsschleifen und Kosten unsererseits. Mobile Webseiten stehen seitdem bei mir hoch im Kurs. Die Online-Sammlung basiert auf der identischen technischen und strukturellen Vorgehensweise, ganz frei von jeglicher App.

So, das war die Geschichte mit den Apps. Keine richtige Leidensgeschichte, eher eine langwieriger Prozess des Scheiterns und Lernens. Ich ziehe mal kurz ein Fazit, in dem die Erfahrungen zusammengefasst werden:

Potentielle Probleme bei Apps im Museum:
– hoher personeller Aufwand
(Konzeption und Umsetzung bei laufendem Betrieb, Ausstellung als Anlass zur Finanzierung, kurzfristiges Konzept)
– hoher finanzieller Aufwand (Zusammenarbeit mit externen Agenturen, Kosten für doppelte Programmierung iOS und Android etc.)
– gemessen an Kosten: sehr geringe Download-Zahlen
– umfangreiches Material > in der Praxis zu groß auf Phone
– kein langfristiger Mehrwert erkennbar (Löschen der App direkt nach dem Museumsbesuch)
– Marketing und Distribution der App müssen immer bereits Teil der Konzeption sein
– Probleme bei Ausgabe der Geräte im Museum (zusätzliches Personal notwendig oder Schulungen des Kassenpersonals, Reinigung und Wartung der Geräte)
– mangelnde Infrastruktur vor Ort im Museum (kein WLAN)

… to be continued.

Auch die viel gelobten (und vielfach von Agenturen angepriesenen) iBeacon-Touren per App haben diese Probleme noch nicht überwinden können. Mangelnde Signalstärke oder Störungen der Sender bei der Nutzung durch mehrere Personen parallel im Raum zeigen, dass die Technik schlichtweg noch nicht ausgefeilt ist. Und letztens Endes ist so eine Tour auch nur eine Multimediaführung mit gelegentlichen und wenig kreativen „interaktiven“ Elementen. Lohnt sich der Aufwand?

Ich denke in letzter Zeit, auch aufgrund von Gesprächen mit Experten wie Anke von Heyl und Christian Gries, öfter darüber nach, ob man der ganzen Sache insgesamt nicht noch eine Chance geben sollte. Das Motto lautet daher: Appsolution! Denn jetzt kommt´s: Das waren gerade allesamt Sorgen und Nöte mit Apps innerhalb des musealen Raums, der Vermittlung innerhalb einer Ausstellung vor Ort in den Sälen des Museums, direkt vor den Originalen.

Richtig erfolgreich war ich jedoch bisher in der Praxis mit Projekten, welche die Kunstvermittlung in den digitalen Raum gelotst haben. Den Raum außerhalb des Museums, der offen und transparent ist und der uns manchmal (#myRembrandt und #StadtLandBild) am besten den Wert des Originals im Ausstellungsraum zeigen kann. Ich möchte grundsätzlich bei diesen Projekten einen gewissen Grad an Kreativität hervorrufen, der idealerweise über den Weg der Reflexion und Auseinandersetzung mit Kunst eine Art von Produktion erzeugt. Oder anders gesagt: Die Besucherinnen und Besucher sollen durch eine Aktion inspiriert werden und am Ende ein individuellen Mehrwert erhalten. Sei das nun durch ein Bild, welches im Freundeskreis als Errungenschaft geteilt wird oder ein anderweitiges Produkt. Das Ziel muss es sein, den Museumsraum zu öffnen, digitale und analoge Räume zu verbinden, Spaß zu haben, Erlebnisse zu schaffen, Gefühle hervorzurufen, die eine langfristige Bindung und Kommunikationsbasis herstellen. Bei den Überlegungen der Konzeption einer neuen App geht es daher vordergründig um Sinn, Nutzen und Wert einer solchen Anwendung auf Basis dieser Erfahrungen, weniger darum, möglichst viel Technik im Museum unterzubringen.

One more thing: Der Hashtag für dieses kommende Projekt ist übrigens bereits fertig und kann schon einmal im Auge behalten werden.

#ConstructKlee

 

 

Titelfoto von Viviana D’Angelo (Ausschnitt) im Rahmen des Tweetswalks #Spurenleser in der Pinakothek der Moderne

4 Kommentare

  1. Lieber Geschwisterblog,

    Danke für diese äußerst hilfreiche Zusammenstellung. Auch ich habe mich lange mit der Entwicklung einer App beschäftigt, konnte das Projekt aber durch den Jobwechsel nicht zu Ende bringen (arme ehemalige KollegInnen).
    Obwohl ich ein großer Freund davon bin, Ausstellungsprojekte in den digitalen Raum zu überführen (ich liebe #StadtLandBild, eine der gelungensten Aktionen meiner Ansicht nach), kann ich den Gedanken nicht aufgeben, dass Museen und Apps zueinanderfinden. Eine mobile Website ist toll, aber sie muss wirklich gut gemacht sein, mir begegnet sehr häufig Unbedienbarkeit auf scheinbar responsiv design Seiten.

    Wir werden sehen.

    Markus

    Antworten
    1. Antje Lange Autor

      Lieber Markus,
      vielen Dank für Deinen lieben Kommentar! Ich wollte mir einfach mal den Frust von der Seele schreiben und laut nachdenken, ob sich Apps noch lohnen oder nicht. Ich bin gespannt, ob sich meine Ideen zu #ConstructKlee umsetzen lassen, hoffe aber, dass Du damit dann mindestens so viel Spaß hast wie mit #StadtLandBild.

      Antworten
  2. Liebe Antje, vorab danke ich Dir für diesen sehr offenen und ehrlichen Blogbeitrag. Er zeigt sehr anschaulich, vor welchen Herausforderungen Kultureinrichtungen beim Thema App stehen. Was mir bei Deinem Beitrag auffällt: Du sprichst nur von Dir bzw. der Museumsseite und den Agenturen, die jeweils die App entwickelt haben. Was mir fehlt ist die Sicht derer, die diese App nützen sollen. Verbunden mit der Frage, was sich die Besucher/User eigentlich von so einer App erwarten?

    Ich bin mir nicht sicher, ob es sinnvoll ist, Apps zu konzipieren, die die User mit Zusatzinformationen zu einer Ausstellung versorgen. Erstens sind diese in der Regel gar nicht so relevant wie sich das die Kultureinrichtungen wünschen und dafür, dass sie so einen geringen Mehrwert erbringen, kosten sie einfach zuviel. Hinzu kommt das von Dir angesprochene Problem, dass die, die die App auf ihre mobilen Endgeräte geladen haben, diese nach dem Museumsbesuch wieder löschen. Wenn die App vor allem Infos zur Ausstellung beinhaltet und nur wenige Menschen eine Ausstellung oder ein Museum öfter als einmal besuchen, ist das auch logisch.

    Dieses Problem lässt sich vielleicht lösen, wenn eine App so konzipiert ist, dass sie inhaltlich auf der Metaebene angelegt ist und die Ausstellung nur eine Möglichkeit ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das heißt, die App reicht inhaltlich weit über die Ausstellung hinaus, was dann aber natürlich wieder eine Herausforderung für das Museum ist. So sprecht ihr nicht nur die Ausstellungsbesucher an, sondern Menschen, die sich für ein Thema interessieren. Damit die User die App nicht downloaden, sich einmal durchschauen und sie dann wieder löschen, kann ich unter anderem einen Gamification-Ansatz wählen und mit verschiedenen Wissensebenen arbeiten. Das kann der ganz klassische Ansatz mit Punkten sein.

    Ich kann aber auch versuchen, das Thema aus der Sicht derer, die sich dafür interessieren, zu denken und die App-Inhalte so anlegen, dass ich als User immer weiter in die Materie eindringe. Mir erscheint es wichtig, die App viel stärker danach auszurichten, wie die User mit solchen Inhalten umgehen.

    Eine ganz andere Möglichkeit ist es, die App ganz konsequent nach den Bedürfnissen der User auszurichten und Kunst als eine Art „soziales Schmiermittel“ zu sehen. Ich greife immer wieder auf einen mittlerweile schon älteren Blogbeitrag von Adam Thurman zurück, der mit „Art as the Hub“ überschrieben ist: http://missionparadox.typepad.com/the_mission_paradox_blog/2008/01/art-as-the-hu-1.html

    Wenn wir diesen Wunsch ernst nehmen, dann müsste eine App so konzipiert sein, dass sich deren Nutzer mit Hilfe sozialer Objekte (Ausstellungsobjekte, Künstler, Themen, etc.) vernetzen und darüber kommunizieren können. Es wäre also eher eine Kommunikationsapp und nicht die klassische Vermittlungsapp. Aber einen Versuch wäre es meiner Ansicht nach wert. 😉

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    1. Antje Lange Autor

      Hallo,
      danke für das tolle und umfangreiche Feedback. Ich bin überrascht, dass das Thema auf so viele offene Ohren stößt, denn im Grunde genommen, hatte ich Apps bereits abgehakt. Tatsächlich fehlt mir eine echte Rückmeldung von Nutzern unserer bisherigen Apps, da wir nie eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben haben, die das wirklich feststellen konnte. (Auch hier: Personal- und Geldmangel als Ursache) Ich weiß lediglich von einzelnen Nutzern, die sich vor allem über die Speicherauslastung der Phones beschwert haben. Ich glaube auch, dass wir als Museen genau überlegen müssen, was denn User von einer App wollen und was den großen Erfolg von einigen wenigen Apps in der Praxis ausmacht. Und das ist zum einen der Apsekt der KOMMUNIKATION, wie von Dir erwähnt, und zum anderen das FOTOGRAFIEREN. Kombiniert mit einer Prise Kreativität. Daher versuche ich demnächst, diese beiden Grundsätze in einer (hoffentlich) schlichten und umgänglichen App zu verbinden. Daumen drücken! Ich werde den Entwicklungsstand immer mal wieder hier kommunizieren und Euch alle um Feedback bitten.
      Liebe Grüße,
      Antje

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