“Sharing is Caring” oder “Wider die Angst”

Die schlimmsten Momente bei der Arbeit im Kulturbereich sind die Augenblicke, in denen man alleine verzweifelt am Schreibtisch sitzt und völlig frustriert über behördliche Grenzen und rechtliche Vorgaben ist. Die schönsten Momente sind es hingegen, wenn man auf einer Tagung erfährt, dass man mit diesen Sorgen und Nöten nicht alleine ist.

Am 20. und 21. April 2017 hatte das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zusammen mit der dortigen Universität zur Tagung „Sharing is Caring – Hamburg Extension” gerufen. Erstklassige Referenten und die Möglichkeit, endlich einmal die Köpfe hinter den digitalen Inspirationsquellen meiner eigenen Online-Sammlung der Pinakotheken kennenzulernen, waren überzeugende Argumente für eine Teilnahme. Da ich im Rahmen meiner digitalen Strategie grundsätzlich in all meinen Projekten um Transparenz und Öffnung des Museums nach außen bemüht bin, kam der Leitspruch „Opening up! Building Connectivity through Cultural Heritage” gerade recht.

Neben vielen wunderbaren Begegnungen mit alten Bekannten, digitalen Vorbildern und potentiellen zukünftigen Kooperationspartnern, konnte ich im Rahmen der Tagung für meine Arbeit einige wichtige Mitbringsel aus Hamburg zusammentragen.

  1. Digitale Räume müssen belegt werden!

Klingt logisch, stößt aber in der Praxis häufig intern auf Unverständnis. Aus Angst vor Kontrollverlust über die eigenen Daten wird häufig die Öffnung in den digitalen Raum gescheut. Von dieser Angst kann ich ein Lied singen, begegnet sie mir doch im behördlichen Alltag recht häufig. Die Freigabe von Bilddaten und eine entsprechende Kennzeichnung der Werke, insbesondere für die kommerzielle Nutzung, ist harte Überzeugungsarbeit. Der kurzweilige Vortrag von Andrea Wallace, Ph.D. Candidate in Cultural Heritage Law an der University of Glasgow, am 21. April zeigte eindrucksvoll, was das Wirrwarr aus rechtlichen Rahmenbedingungen in den Museen dieser Welt letzten Endes bewirkt. Die Angst vor dem Kontrollverlust führt zu einem Bedeutungsverlust der Museen. Denn die Werke landen früher oder später unkontrolliert im Netz, ob bei den „Ugly Renaissance Babys“ oder auf Twitter bei „Medieval Reactions“, die bereits respektable 470.000 Follower vorweisen können. Diese Beispiele zeigen, dass die Praxis uns bereits überholt hat, die Kontrolle ist bereits verloren. Man kann sie jedoch zurückgewinnen.

In ihrer „opening keynote” sagte die wunderbare Merete Sanderhoff (Curator and senior advisor of digital museum practice am SMK – Statens Museum for Kunst) so treffend:

„Open digital data is not a threat, it increases the aura of the original artwork.“

Die Museen müssen die Angst vor dem digitalen Raum zwangsläufig ablegen, denn man kann nicht mit Wissen und Authentizität in einem Raum glänzen, wenn man sich vorab bereits weigert, diesen Raum zu betreten. Ein anderer Sprecher, oder in unserem Fall Bilderlieferant, wird sich finden, der jedoch völlig ungeeignet für die Aufgabe ist.

Die Öffnung der Bestände nach außen, die klare Kennzeichnung und Festlegung von Nutzungsbedingungen sind maßgeblich für die Zuverlässigkeit der Institution Museum in Zeiten von “fake news”. Und letzten Endes ist die Vermittlung der Sammlungsbestände an die Öffentlichkeit eine unserer maßgeblichen Aufgaben als staatliche Institution.

Positives Beispiel und uns damit um Lichtjahre in Denken und Umsetzung voraus: Der Rijksstudio Award des Rijksmuseum in Amsterdam.

Mit den Worten von Merete Sanderhoff:
“As museums, we do not hold any patent on how cultural heritage can and should be interpreted and used. Our role is increasingly to facilitate the general public’s use of cultural heritage for learning, creativity and innovation. Today, the museum as a place of enlightenment is based on interaction.”

  1. Gemeinsam sind wir stark!

Eine Lehre, die sich vor allem in Gesprächen am Rande der Tagung zeigte: Alle Museen stehen unter enormem finanziellen und personellen Druck. Die Geschichten sind überall beinahe identisch: Stellen gründen auf befristeten Projektmitteln, Messbarkeit und Nachhaltigkeit von digitalen Projekten müssen gewährleistet werden, Zeitnot und rechtliche Schranken zwingen zu unbefriedigenden und halbherzigen Kompromisslösungen. Umso wichtiger ist es, dass die Museen, Theater, Opernhäuser, Bibliotheken und Archive gemeinsam im digitalen Raum an einem Strang ziehen.

Die geballte Phalanx musealen Wissens vereint im Tagungsraum in der Universität Hamburg.
  1. Museen müssen zur Kreativität anregen!

Wir möchten, dass unsere Sammlungen nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken und Aufmerksamkeit erhalten. Dafür müssen die Museen entsprechend Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und aktiv Partizipation hervorrufen. Wie immer man auch den Wert und die Messbarkeit von solchen Aktionen zur Erzeugung von Engagement bestimmt, die langfristige positive Wirkung bei den Teilnehmenden ist sicherlich unbestritten. Wer einmal mit #myRembrandt seinen eigenen Rembrandt in den Händen hielt, der weiß auf ewig, dass das Werk in der Alten Pinakothek hängt.

Rembrandt is watching you!
  1. Long way to go, short time to get there!

Schaut man sich die Mitteilung des Presse- und Informationsamt der Bundesregierung vom 13. März 2017 an, in der verkündet wird, dass in den kommenden zwei Jahren mit 460.000 Euro die Bildagentur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (bpk) zu einer nationalen Vermarktungsplattform erweitert werden soll, dann kommen mir berechtigte Zweifel was die digitale Zukunft der deutschen Kultureinrichtungen angeht. Das Ministerium fördert ein zentrales Web-Portal, in dem für jegliche Nutzung von Bildern aus deutschen Museen gezahlt werden muss. Verkauft wird das Ganze als Fortschritt bei der Digitalisierung. Beweisen tut das nur eine Sache: Dass die Realität die staatlichen Behörden längst überholt hat. Eine Geschichte wie bei Hase und Igel. Mich persönlich ärgern diese strukturellen Zwänge vor allem mit Blick auf die internationale Museumsszene. Wunderbare Sammlungen verschwinden in der Bedeutungslosigkeit, weil schlichtweg keine Finanzierung für ihre Digitalisierung und Veröffentlichung gesichert ist. Oder wie ich kürzlich schmerzlich auf einer Konferenz in London erfahren durfte: „What is Pinakotheken?“

Die Online-Sammlung der Pinakotheken ist seit dem 06. April 2017 endlich veröffentlicht, ein wichtiger Schritt für uns in die richtige Richtung. Aber eben erst der erste Schritt.

Zusammengefasst heißt das:
„Keep it simple, be patient, be social and have the courage to face challenges.“ #sharecarex

Vielen Dank an die Organisatoren von „Sharing is Caring – Hamburg Extension”, vor allem an Antje Schmidt (deren Vortrag und die dazugehörigen Folien online zugänglich sind) aus dem Museum für Kunst und Gewerbe, für diese Erkenntnisse und Erlebnisse.

Hamburg, meine Perle, bis bald!

Das Museum für Kunst und Gewerbe war unser Gastgeber.
Das Museum für Kunst und Gewerbe war unser Gastgeber.

 

4 Kommentare

  1. Liebe Antje,

    herzlichen Glückwunsch, du bloggst!!!! Das ist eine gute Idee. Und es ist toll, dass du dich in den Diskurs begibst. Denn nur wenn immer wieder gegen die Widerstände angeklopft wird, brechen vielleicht auch die verhärteten Strukturen. Oder wie Christian so treffend meint: Revolution (hier stelle man sich eine fuchtelnde Faust vor).
    Die Pinakotheken sind vor allem dank dir bei mir auf jeden Fall gut verankert. Aber es kann natürlich nicht sein, dass alles auf deinen Schultern lastet. Deswegen nochmal: die Strukturen müssen sich wandeln.

    In diesem Sinne: let’s move.

    Herzlichst
    Anke

    Antworten
    1. Antje Lange Autor

      Liebe Anke,
      vielen Dank für die Unterstützung und Ermunterung! Diskurs, genau das ist der Antrieb der Kulturdestille. Eine kleine Spielwiese für Ideen und Meinungen. Und Du weißt ja, eine kleine Revolution ab und zu ist eine gesunde Sache. Vor allem dann, wenn alte Strukturen und Denkmuster in Museen und Ministerien aufgerüttelt werden müssen.

      Antworten
  2. Liebe Antje,

    jetzt habe ich es auch gelesen. Bin gespannt, was die Kollegin berichten wird. Wir machen uns auf den Weg und bei der Alltagskultur gibt es noch keine richtigen Vorbilder und das mit den Rechten ist auch alles irgendwie nochmal anders. Aber das Wichtige eben: wir sind auf dem Weg.
    Grüße und Bericht aus Berlin folgt.

    Markus

    Antworten
    1. Antje Lange Autor

      Lieber Markus,

      vielen lieben Dank! Ich bin sehr gespannt, was Du über Alltagskultur und Volkskunde/Kulturgeschichte berichten wirst. Wie gesagt, meine beste Freundin hat ihren Doktortitel dort erworben und arbeitet in einem kleineren Freilichtmuseum. Daher kenne ich da ein wenig die Rahmenbedingungen, die ja naturgemäß ganz anders sind als in einem Kunstmuseum. Da ist noch VIEL Luft nach oben für spannende Projekte. 🙂
      Freue mich auf den Bericht aus Berlin!

      Viele Grüße,
      Antje

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.